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Landfrauenverein: Der Hobby-Heimatforscher Thomas Maul berichtete über das Brauchtum rund um das wichtigste Fest im Jahr

Zur Kerb wurde das Dorf herausgeputzt

Thomas Maul
Thomas Maul berichtete über alte Kerwebräuche. Bild: Thomas Neu

Gadernheim. Ungewohnte Klänge gab es im Florian-Info-Treff. Allen Gästen schallte erst einmal der Kerwemarsch entgegen - aus gutem Grund. Die Gadernheimer Landfrauen hatten Thomas Maul eingeladen, der über Kerwebräuche aus dem Odenwald berichtete.

Maul ist Hobby-Heimatforscher und verbringt seine Mittagspausen regelmäßig im Darmstädter Staatsarchiv. Dort stieß er vor einigen Jahren auf die umfangreichen Aufzeichnungen von Dr. Heinrich Winter, der Anfang der 1940er Jahre in den Dörfern im Odenwald und im Ried die ältesten Bürger befragte.

Die Befragten waren meist im Greisenalter und allesamt in einer Zeit geboren, als Deutschland noch Kaiserreich war. Dr. Winter ließ alle Informationen über Volkstänze, Bräuche und Sitten penibel notieren, und so bieten die Aufzeichnungen heute kostbare Einblicke in eine andere Welt.

Zur Kerb wurde das Dörfchen herausgeputzt - das war in Gadernheim nicht anders als in anderen Dörfern, Kuchen wurde gebacken, und die Verwandtschaft machte sich auf, um die Gadernheimer Familienzweige zu besuchen. Auf jeden Fall war die Kerb das wichtigste Fest im Jahr. In der Zeit von 1860 bis 1900 zählte Gadernheim immerhin sechs Gasthäuser, der Ort war Mittelpunkt im Lautertal, da viele Straßen und Wege nach Gadernheim führten.

Die Kerb wurde jedoch immer nur in einer Gastwirtschaft gefeiert, in der Regel wurden die Lokalitäten jährlich gewechselt. Das Lokal auszusuchen, war die Aufgabe der Kerweburschen. Das waren alle ledigen Männer im Ort.

Viele Kerwefeste hießen nicht nur "Kerb", sondern hatten Beinamen, die sich teilweise bis in die Gegenwart gehalten haben. So sind die Brennnesselkerb, die Quetschekerb und die Michelskerb bekannt, aber auch die Bezeichnungen Bratwurstkerb und Talkerb finden sich in Dr. Winters Aufzeichnungen. Bajazz und Doppelsiwwel

Anführer der Kerweburschen war der Kerweparrer, der meist ein dickes Buch bei der Kerb dabei hatte, um der Obrigkeit und den Dorfbewohnern die Leviten zu lesen. Außer dem Kerweparrer gab es weitere Symbolfiguren bei der Kerb und beim traditionellen Umzug, die Thomas Maul den Landfrauen vorstellte.

Alle Symbolfiguren waren verkleidet und trugen Masken. Bekannt waren der Bajazz oder Hanswurst, der in Gadernheim Spielkarten an sich hängen hatte und Platz für den Umzug schaffte. Weit verbreitet war die Kerbsiwwel oder Doppelsiwwel. Dabei sieht es so aus, als ob eine alte Dame einen jungen Burschen trägt. Der Mundschenk war früher weniger bei der Kerb zu finden, dafür gab es einen Krugträger, der vom Wirt mit Wein versorgt wurde und diesen beim Umzug verteilte. Der Schornsteinfeger sammelte Geld und Kuchen. Fester Bestandteil beim Umzug war ein Bauernpaar in Tracht, das ebenso wie das "feine" Paar von Männern dargestellt wurde.

Mädchen waren im Umzug kaum zu finden, es gab aber Hacken- und Schippenträger, die die Kerb ausgruben. Aus Gadernheim sind Fahnenschwinger und Kranzreiter überliefert. Ein Gendarm oder Polizeidiener ist bekannt, der seinen Schabernack mit den "Handwerksburschen" trieb. Ein Schimmelchen gehörte zu den Symbolfiguren, und schon damals wurden nicht alle Kostüme selbst gestaltet, sondern durchaus der Kostümverleih bemüht.

Als die Straße zwischen Bensheim und Lindenfels ausgebaut wurde, tauchten "Geometer" im Festzug auf, Messlatten und Zirkel wurden mitgeführt, es gab den Hundefänger und den Molbertsfänger (Maulfwurffänger). Das Kerwerad war ebenfalls fast überall im Odenwald bekannt.

Anstrengend wurde es für den Strohmann, der fest in Stroh verpackt wurde. Thomas Maul, der Vorsitzender der Trachten- und Volkstanzgruppe Starkenburg ist, berichtete, dass er mit seiner Gruppe anlässlich eines Hessentags einige der Symbolfiguren nachgebaut hatte und das es nicht einfach war, just diesen Strohmann herzustellen.

Auch ein Fellbär ist überliefert, der im Dorf herumgeführt wurde. Samstags wurde der Kerbkranz gebunden, dazu wurden Fichten, Reisig und Buchs verwandt und ausgediente Trachtenbänder. Dazu kamen Blumen. Musik gab es samstags nicht, es sei denn, es fand sich ein Ziehharmonikaspieler aus dem Dorf. Die Festkapelle war erst für den Sonntag bestellt. Samstags wurde die Kerb "angesoffen", was durchaus wörtlich genommen werden kann. Einige Wochen später fand noch eine Nachkerb statt.


Letzte Änderung dieser Seite am 13.03.2015 von Claudia Schmitt. Informationen unter birgit.jung@tvg-starkenburg.de